Hilarion Manero, Ariadne at Naxos I – Landscape Ocean View, Dawn & Night, Öl auf Holz, 2002: Frauenkopf mit langem Haar neben einer felsigen Küstenlandschaft
Hilarion Manero, Atlante und Hippomenes, Öl auf Holz, 2002: zwei liegende Figuren greifen nach roten Äpfeln auf dunklem Grund
Hilarion Manero, Atropos, Öl auf Holz, 2001: fünf Frauenfiguren im Querformat vor blaugrünem Hintergrund
Hilarion Manero, Engel, Öl auf Hartpappe, 2010: Engel mit gefalteten Händen in einer hellen Landschaft mit Bäumen
Hilarion Manero, Girl with flowing River, Öl auf Holz, 2002: Mädchen mit Vogel am Ufer eines Flusses
Hilarion Manero, Holding the Sky, Kreide und Öl auf Holz, 2003: zwei Köpfe auf grobem Holzgrund, eine Figur hält einen Vogel

Hilarion Manero

Anstatt der gewöhnlichen Einführung

„Der wache Tag eines mythisch erregten Volkes, etwa der älteren Griechen, ist durch das fortwährend wirkende Wunder, wie es der Mythus annimmt, in der That dem Traume ähnlicher als dem Tag des wissenschaftlich ernüchterten Denkers. Wenn jeder Baum einmal als Nymphe reden oder unter der Hülle eines Stieres ein Gott Jungfrauen wegschleppen kann, wenn die Göttin Athene selbst plötzlich gesehn wird, wie sie mit einem schönen Gespann, in der Begleitung des Pisistratus, durch die Märkte Athens fährt - und das glaubte der ehrliche Athener -, so ist in jedem Augenblicke, wie im Traume, Alles möglich, und die ganze Natur umschwärmt den Menschen, als ob sie nur die Maskerade der Götter wäre, die sich nur einen Scherz daraus machten, in allen Gestalten den Menschen zu täuschen.“

(Friedrich Nietzsche – Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne, 1873)

Diese Passage aus Friedrich Nietzsches epochemachenden kleinen Essay Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne von 1873 soll anstatt der üblichen Einleitung dienen. Manero verweigert sich bewusst und konzeptuell jeglicher Festschreibung. „Nur die Werke sollen für mich sprechen“, sagt er. Nietzsche hier also als Brille poetischer Hermeneutik und als eine Idee aus welchem Geist das Werk Maneros entspringen mag.

Hilarion Manero, Man, Woman and Bird, Öl auf Hartpappe, 2008: ein Mann, eine nackte Frau und ein großer Vogel in einer Landschaft
Hilarion Manero, Diana Hunting, 2000: nackte Jägerin mit Bogen und Hirsch vor dunklem Grund
Hilarion Manero, Europa, 2001: Frau in gelbem Gewand reitet auf einem Stier durch Wasser
Hilarion Manero, Good-Luck-Bone, The Deal – Die Abmachung, 2006: Gemälde zweier eng beieinander stehender Gesichter auf rotem Grund
Hilarion Manero, Killing the Dragon, Öl auf Hartpappe, 2009: zwei Gestalten mit Lanze über einem Drachen, zwischen ihnen eine dunkle Sonne
Hilarion Manero, My three Daughters, 2000: drei Frauen und ein Mann mit Hut an einem gedeckten Tisch
Hilarion Manero, The falling Apples, 2005: drei Figuren in einem dunklen Garten, Äpfel fallen vom Baum, im Vordergrund weiße Blüten
Hilarion Manero, The Night Nymph, 2003: nackte Nymphe mit rotem Haar im Wasser vor einer grünen Landschaft
Hilarion Manero, The Fountain (unvollendet), Öl auf Leinwand, 2006–2007: zwei Frauen in Gewändern vor Fachwerkhäusern, zwischen ihnen ein Brunnen, unten ein Tier
Hilarion Manero, Girl holding an Onion, 2002: Porträt einer dunkelhaarigen jungen Frau mit einer Zwiebel in der Hand vor Laub
Hilarion Manero, Girl throwing an Onion or Galatea et Nature, 2001–2002: junge Frau in dunklem Kleid wirft eine Zwiebel vor grünem Grund
Hilarion Manero, Maria Magdalena Virgin von Zomorra – The Fool, Öl auf Leinwand, 2007: Profil einer Frau mit weißem Kopftuch und geschlossenen Augen
Hilarion Manero, The Cry, 1996–1997: Gesicht mit blauen Hörnern, eine blaue Hand verdeckt ein Auge
Hilarion Manero, The frequent Future: Frau in dunklem Kleid hält einen Apfel in die Höhe, ein zweiter Apfel in der anderen Hand
Hilarion Manero, Venus One – Thalassa, 2003: Gemälde einer sitzenden nackten Frau mit rotem Haar vor dunklem Grund
Hilarion Manero, Wassernymphe, 2004: nackte Nymphe mit rotem Haar steigt aus türkisfarbenem Wasser

2012 ließ Manero den Folgenden pseudo-lexikalischen Eintrag zur 'Psychochromatik' verfassen. Anlass war die Ausstellung Was ist ein psychochromatischer Künstler? In dieser wurde das zwischen 1998 und 2010 entstandenen malerischen Werks präsentiert.

Psychochromatik (von altgrch. ψυχή, „Hauch“, „Seele“, „Gemüt“ und grch. χρώμα, „Farbe“): ästhetische Theorie der psychologisch-seelischen Wirkung der Farben sowie Praxis der Hervorbringung von inneren Empfindungen durch Farbe, insbes. in der sog. „psychochromatischen Malerei“. Als Erfinder der psychochromat. M. gilt der in Argentinien geborene Maler H. Manero (*1957), der intensive Lokalfarben mit abgestuften Tonwerten und chiaroscuro (Helldunkel) zu spannungsreichen Farbklängen verbindet.

Während die Psychologie die komplexen psychologisch-seelischen Wirkungen und Gefühlswerte der Farben experimentell zu bestimmen versucht, die von individuellen, kulturellen (Farbsymbolik) und kontextuellen Faktoren abhängig und bislang nur unzureichend erforscht sind, fragt die Ästhetik vor allem nach dem Ausdruckscharakter, den Kombinationen und Harmonien der Farbe. Die P. als Grenzbereich der traditionellen Ästhetik betrachtet die seelisch-psychologischen Wirkungen der Farben in der bildenden Kunst. Im Vordergrund steht die individuelle, z.T. spirituell gefärbte Aufnahme des Kolorits in die Gefühlswelt der Betrachter. Von zentraler Bedeutung ist die Analogie von Farben und Tönen, wie sie u.a. in den Farbenlehren von Aristoteles (*384 v. Chr., †322 v. Chr.), G. Zarlino (*1570, †1590) und I. Newton (*1643, †1727) auftaucht. Im 20. Jh. betont vor allem W. Kandinsky (*1866, †1944) die Kraft der Farbe, im Betrachter eine „seelische Vibration“ hervorzurufen.

Hilarion Manero, The Book of Death (Nyx und Andromache), 2014: dunkle Felsformationen und ein weißes Tuch unter einem Wolkenhimmel
Hilarion Manero, The Book of Death (Pluto am Orakel der irren Träume), 2014: Steinbrocken, rotes Tuch und eine Glaskugel in dunkler Szene mit kleinen Lichtern
Hilarion Manero, The Book of Death (Pluto’s Traum), 2013: dunkel verhülltes Gebirge mit einer kleinen Kugel vor einem Meer
Hilarion Manero, The Book of Death (Chapter 5 – The whims of Uranus und der Mond Klymene), 2015: dunkles Gemälde mit Felsformen vor einem Nachthimmel
Hilarion Manero, The Book of Death (Uranus als Monster der Träume), 2014: dunkle Felsen und Zweige am Meer unter einem fahlen Himmel
Hilarion Manero, Penthesilea, 186 × 89 cm, 1998: Fotodruck mit einem Torso, einer Metallgabel und Silberfolie auf Schwarz

Penthesilea, 186 x 89, 1998

Hilarion Manero, Orion, 86 × 89 cm, 1998: Fotodruck mit einer tanzenden Figur aus Papier und Kupfer auf Schwarz

Orion, 86 x 89, 1998

Die psychochromat. M. in der Nachfolge H. Maneros versucht, die traditionelle Dichotomie von Form und Farbe zu überwinden, die bei C. Cennini (um 1370, † um 1440) als Unterscheidung von disegno und colore eingeführt und von G. Vasari (*1511, †1574) aufgenommen worden war. Bei Manero et al. kann die Farbe nur in Wechselwirkung mit Form und Sujet seine Wirkung entfalten. Ungetrübte Farben werden daher den Sujets entsprechend oftmals mit sanftem sfumato verbunden. L.B. Alberti (*1404, †1472) et al. hatten, antiken Überlegungen folgend, die Grundfarben (veri colori) mit den vier Elementen assoziiert. Die psychochromat. Mal. greift in spielerisch-naiver Manier die kosmologischen Züge traditioneller Farbenlehren auf. In Anlehnung an Konzeptionen J.W. v. Goethes (*1749, †1832) gehen wichtige Vertreter der psychochromat. Theorie von einem immerwährenden Kampf zwischen Helligkeit und Dunkel aus, dem die einzelnen Farben ihre spezifischen Eigenschaften verdanken. In der psychochromat. M. findet der Widerstreit von Hell und Dunkel als Gegensatz von Klarheit und Unklarheit Ausdruck.